Anti-Parallelwelt: 5 Fragen an das Leben und den Tod

Gibt es Momente im Leben, an denen es keine Möglichkeit mehr für Parallelwelten gibt – vielleicht, weil man ihre Vorzüge noch nicht oder nicht mehr kennt? Momente, in denen das, was gerade passiert, einfach alle Sinne einnimmt und dein ganzes Sein bestimmt. Wir haben eine Hebamme und einen Bestatter gefragt.

Die Geburt - Fragen an eine Hebamme

Was bedeutet es für dich, ein „neues Leben“ als Erste in den Händen zu halten?

Ich muss spontan an ein Bild denken (ich glaube, es entsprang einer Werbekampagne des Hebammenverbandes) , das ich lange in meinem Kalender auf bewahrt habe : es zeig t einen Mann mit dem Zitat „Die erste Frau in meinem Leben war eine Hebamme.“ Tatsächlich ist es – auch wenn es abgedroschen oder pathetisch klingen mag – ein unglaubliches Privileg immer wieder Teil dieses lebensverändernden Ereignisses zu sein. Für mich bedeutet das

also auf einer zwischenmenschlichen Beziehungsebene erst einmal Dankbarkeit für das Vertrauen der Mutter in mich und meine Begleitung. In meiner Beziehung zu Gott sind Geburten eine stete Erinnerung daran, wie großartig, liebevoll und präsent er ist. Einer meiner Lieblingsverse in der Bibel ist Jeremia 1,5: „Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete, und ehe du geboren wurdest, habe ich dich erwählt um mir allein

zu dienen.“ (Hoffnung Für Alle-Übersetzung) Egal, wie das Leben dieses kleinen Menschen verlaufen wird und egal, wie seine Eltern zu seiner Ankunft in dieser Welt stehen – Gott hat dieses Kind erdacht. Und ich dar f dieses neue Leben, ein Manifest göttlicher Liebe, in den Händen halten, wenn es seinen ersten, eigenständigen Atemzug nimmt.

Wie reagieren die Eltern für gewöhnlich?

Die erste Reaktion ist meist Erleichterung gepaart mit Erschöpfung. Nach dem anstrengenden, häufig auch langen Prozess der Geburt, stellt sich bei dem ersten Schrei des Kindes eine Erleichterung, ein „Geschafft! “ ein. Es ist ein sehr emotionaler Moment, oft begleitet von Tränen des Glücks und einer zarten Verliebtheit, wenn Eltern ihr Kind das erste Mal sehen und in den Arm nehmen können.

Wie wirkt sich der tägliche Umgang mit Neugeborenen auf deine Sicht des Lebens aus?

Ich denke, zum einen macht er mir bewusst, dass wir auf einander angewiesen sind und für die Gemeinschaf t geschaffen wurden. Zum anderen mag aus der Ego-Perspektive jedes Problem riesig und unbewältigbar scheinen (für das Baby: Hunger!, für uns vielleicht der schwierige Kollege, das verlorene Portemonnaie, die kaputte Waschmaschine…). Aus der Außenperspektive weiß die Mutter, dass das essenzielle Problem des Kindes sehr einfach (z. B. durch stillen) behoben werden kann – so wie aus Gottes Perspektive unsere Probleme ebenso leicht lösbar sind und im Gesamt des Lebens nur eine sehr kleine Rolle einnehmen. Vielleicht sollte ich mir im Bezug auf schwierige Situationen auch öfter sagen „Es ist nur eine Phase…“

Leben und Tod liegen in deinem Beruf sehr dicht zusammen – wie gehst du damit um?

Bei einer Geburt wird mir immer wieder bewusst, wie prekär das Leben ist, und dass wir als Geburtshelfer zwar zur Geburt, aber nicht zum Leben verhelfen können. Was nicht ein fatalistisches Hände-in-den-Schoß-Legen bedeutet, aber ein: Ich tue alles, was ich kann und in meiner Macht steht – und lege gleichzeitig meine Arbeit mitsamt der Mut ter und ihrem Kind in Gottes Hand. Wenn der Tod in meinem Beruf real wird, ist er fast immer völlig unerwartet, und egal welche Ursache zugrunde liegt, macht er augenscheinlich keinen Sinn. Ein Leben, das nicht leben durfte, kann nicht durch ein anderes (Kind) ersetzt werden. Der Tod fordert Raum als Teil des Lebens ein – nicht nur bei den trauernden Eltern und Angehörigen, sondern auch bei dem betreuenden Personal. Ich finde es wichtig, auch trauern zu dürfen. Betroffene Eltern beschreiben hinterher häufig, dass sie echte Betroffenheit von betreuendem Personal als positive Unterstützung in ihrem eigenen Trauerprozess wahrgenommen haben, und wie wenig die vielen lieb gemeinten, aber völlig situationsfremden Floskeln geholfen haben. Als Grundsatz für Professionalität gilt, weiterhandlungsfähig zu sein. Und das bedeutet auch, durch Trauer zu verarbeiten, um nicht daran zu zerbrechen, ihr Raum zu geben, sich aber nicht einnehmen zu lassen.

Was war beruflich dein emotionalster Moment?

Da mein Beruf voll emotionaler Momente ist, die mich mal mehr, mal weniger ergreifen, ist es schwer einen herauszugreifen. Mich beeindrucken die starken Frauen, die über sich hinauswachsen und ich beobachte gerne das Zusammenspiel von harmonischen Paaren. Was mich aber am meisten berührt hat, war eine junge Muslima. Das Baby ihrer Schwester war gerade viel zu früh geboren worden. So früh, dass es in den nächsten Stunden sterben würde. Die Mutter wollte es partout nicht sehen und so nahmen die Ärzte den kleinen Jungen mit, um ihm Schmerzmittel zu geben. Da entschied die junge Frau, die selbst hochschwanger war, dass sie das Kind nicht alleine sterben lassen wollte und saß zwei Stunden bei ihrem kleinen Neffen, hielt seine Hand und las ihm aus dem Koran vor.

Bio: Rebekka Adam, Hebamme, B. Sc. Hebammenkunde. Arbeitet angestellt im Kreißsaal, freiberuflich in der Wochenbettbetreuung und ist „ganz nebenbei“Schulleitung und Lehrerin in einer Hebammenschule

 

Der Tod - Fragen an einen Bestatter

Was bedeutet es für dich, jemanden im Rahmen der Beerdigungszeremonie zu verabschieden?

Nachdem ich die Urne in die Gruft gelassen oder die Sarg träger aufgefordert habe den Sarg beizusetzen, verneige ich mich. Ich vollziehe dies bewusst sehr langsam, weil es für mich ein sehr stiller und entschleunigter Moment ist. Fast so, als würde die Zeit stehenbleiben. Im Herzen sage ich tschüss. Ich meine damit nicht das „In Hamburg sagt man Tschüss“ von Heidi Kabel, sondern ich lehne mich hiermit an die lateinische Herkunft dieser Verabschiedung - ad deum - an, das sich mit „Gott befohlen“ übersetzen lässt. Ja, alles was jetzt passiert, ist gut in Gottes Händen aufgehoben. Der Mensch, sein Leben, seine Integrität, sein Wert.

Wie reagieren die Verwandten/Hinterbliebenen?

Viele Menschen haben sich von Bestattungsritualen entfremdet. Vielleicht wirkt es seltsam, dass sich da jemand verneigt. Wo verneigt man sich sonst noch? Doch gleichzeitig bietet meine Handlungsweise den Trauernden auch Sicherheit, die Möglichkeit diese Handlung nachzuahmen und in dieser Konvention einen Weg für sich zu finden, sich zu verabschieden. Ich erlebe oft Verhaltensunsicherheiten bei den Trauernden und möchte darin unterstützen,hilfreiche Abschiedsrituale zu finden. Das tut gut.

Wie wirkt sich der tägliche Umgang mit Tod und Trauer auf deine Sicht des Lebens aus?

Ich habe mehr Ehr furcht vor der Vielseitigkeit des Lebens. Unglaublich, was es da alles für Lebensstile und Geschichten gibt und wie Menschen mit der Herausforderung, die das Leben bietet, umgehen. Ich bewerte das in keiner Weise, sondern belächle eher meine bürgerlich-christliche Komfortzone, in der ich mich befinde.

Leben und Tod liegen in deinem Beruf sehr dicht zusammen – wie gehst du damit um?

Es liegt wirklich alles dicht zusammen. Wenn ich den Verstorbenen die Hände falte und ihnen Blumen in die Hand gebe und dann die Hinterbliebenen einlade, am offenen Sarg Abschied zu nehmen, gleichzeitig meine Mitarbeiter führe, auch den kaufmännischenBlickwinkel des Unternehmens nicht vernachlässige, merke ich, wie ambivalent diese unmittelbare Nähe von Tod und Leben von außen erscheinen mag. Was ich als dicht erfahre, ist das, was am Ende eines Lebens übrigbleibt. Es sind für mich die gelebten Beziehungen, die auch nach dem Tod im Stillen, in Liebe oder auch gar nicht weitergeführt werden. Und darauf achte ich mehr und mehr. Wie will ich meine Beziehungen leben, oder auch nicht (mehr)?

Was ist die größte Belastung in diesem Beruf?

Wenn ich Familien begleite, die junge Menschen, Jugendliche oder Kinder durch Unfall, Mord oder Suizid verloren haben, geht mir das sehr nah. Auf der einen Seite muss ich als Bestatter gut funktionieren, aber auf der anderen Seite bin ich Mensch und kann diese Situation nicht ohne innere Anteilnahme leben. Solche Verluste gehen mir nahe und schmerzen mich auch. Ich fühle mich den Familien sehr verbunden und leide auch still mit.

Bio: Horst Sebastian ist promovierter Theologe, der sich mittlerweile als Bestatter um den letzten Frieden kümmert.

Fragen: Jessica Schultka & Nicole Spöhr
Rubrik: Interview
Magazin Ausgabe Nr. 4/2018


(Artikel-Foto: mirna_rivalta/unsplash.com)

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