Pro & Kontra: Nur eine Exit-Strategie?

Ist Religion, ist der Glaube an einen Gott nur ein Hilfsmittel, um sich aus der harten Realität der Welt herauszuhalten oder herauszuträumen? Rinaldo wägt ab.

KONTRA
Glaube als Weltflucht? Gott bewahre!

Wer nach den ersten Alben des Elektro-Pioniers Jean-Michel Jarre gefragt wird, beschreibt fast immer dieselbe Erfahrung. Neben nostalgischen Kindheitserinnerungen ist es vor allem der Effekt, dass die Musik des Franzosen sie gedanklich „entführt“. Unweigerlich beginnen sie, sich Abenteuer jenseits ihres Alltages, manchmal sogar jenseits dieses Planeten auszumalen. „Kopfkino“ nennt man das wohl – und für Millionen sind die erwähnten Synthesizer-Klänge noch immer der ideale Soundtrack dazu. Verhält es sich mit Religion ähnlich? Ist der Glaube an Gott ebenfalls der Eintritt in eine Ar t Parallelwelt? Gilt die Aufmerksamkeit der Gläubigen einem Szenario, das vom Hier und Jetzt weitestgehend

losgelöst ist? Gelegentlich höre ich, wie Christen im Tischgebet darum bitten, Gott möge sich auch der Armen annehmen und ihren Hunger stillen. Natürlich ist niemand in der Lage, den negativen Auswirkungen der Globalisierung einen Riegel vorzuschieben. Allerdings erscheint diese Bitte eigenartig, wenn in der Wohnung des Betenden Plastiktüten von Textildiscountern zu sehen sind, die Bekleidung zu einem unerhört geringen Preis verkaufen. Der Gewinn solcher Unternehmen stützt sich oft auf eine unmoralische Beschäftigungspraxis: In asiatischen Produktionsstätten vergibt man einen Monatslohn von weit unter 100 Euro und mutet den Arbeitern katastrophale Sicherheitsbedingungen zu.

Gott um seinen Segen für die Ärmsten der Welt zu bitten und gleichzeitig Kunde von Unternehmen zu sein, die genau diese Ärmsten ausbeuten? Vielleicht soll das durchaus ernst gemeinte Gebet darüber hinweg trösten, dass man für die Misere anderer Menschen mit verantwortlich ist. Schlimmstenfalls ist diese Bitte der routinierte Ausflug in eine Parallelwelt, in der Gebete und Alltag unabhängig voneinander existieren, und in der Gott beständig ausgleichen soll, was man selbst angerichtet hat. Um ein weltberühmtes Kinderbuch anzuführen: Ja, manchmal gestatten Christen ihrer Religion, sie gewissermaßen in das Mädchen zu verwandeln, das im Inneren eines gewaltigen Kaninchenbaus verschwindet und dort auch bleibt... Nicht umsonst kann man in der Bibel folgende Ermahnung lesen: „Nehmt einmal an, bei euch gibt es einen Bruder oder eine Schwester, die nichts anzuziehen haben und hungern müssen. Was nützt es ihnen, wenn dann jemand von euch zu ihnen sagt: ‚Ich wünsche euch das Beste; ich hoffe, dass ihr euch warm anziehen und satt essen könnt! ‘ –, aber er gibt ihnen nicht, was sie zum Leben brauchen? Genauso ist es auch mit dem Glauben: Wenn er allein bleibt und aus ihm keine Taten her vorgehen, ist er tot.“ (Jakobus 2,15-17)

PRO
Glaube als Weltflucht? Gott sei Dank!

Der Schriftsteller und Preisträger Navid Kermani wirft einem Teil der protestantischen Christenheit vor, lediglich solche Inhalte zu propagieren, die einem bereits der gesunde Menschenverstand gebietet. Ist diese Kritik zutreffend? Beschränkt sich der Glaube auf das Gedankengut sozialdemokratischer Kabarettisten? Sind Predigten nur ein Plädoyer für Menschenrechte und Umweltschutz, garniert mit religiösem Vokabular?

Je älter ich werde, desto stärker beeindrucken mich jene biblischen Abschnitte, die unserem Weltbild, unserem Bauchgefühl und manchmal sogar unseren Sinneswahrnehmungen etwas entgegensetzen. Ein Beispiel: Das letzte Buch der Bibel wurde vor rund 2.000 Jahren von einem Autor, Johannes, verfasst, der wegen seines Glaubens verfolgt und gefangen genommen wurde. Da er andere ermutigt, ebenfalls Anhänger von Jesus zu werden, deportieren ihn die Römer auf eine Strafkolonie; ca. 50 km vom Festland entfernt. Auf dieser Insel aber entsteht ein literarisches Werk, in dem der vermeintlich Gescheiterte zu Beginn festhält: „Christus hat uns zu Königen gemacht“ (Offenbarung 1,6). Nichts könnte seiner Lebenswirklichkeit weniger entsprechen. Trotzdem ist der Verbannte der Überzeugung, gemeinsam mit allen Christen frei, souverän und ein hoher Würdenträger zu sein. Die Perspektive seiner Wächter ist ihm fremd; er ist eingebettet in eine andere Geschichte.

Dieser erstaunliche Text legt nahe: Ich bin mehr als das, was mein überstrapaziertes Selbstwertgefühl mir heiser zuruft. Meine Identität speist sich nicht nur aus offensichtlichen Faktoren. In Gottes Augen, von seinem Standpunkt aus haftet mir eine Größe an, die ich nur selten bemerke. So möchte ich darauf vertrauen, dass dieses verborgene Gut existiert und immun ist gegen alle Urteile, die sonst über mich gefällt werden. Manchem erscheint dieses alte Buch, die Bibel, exotisch und märchenhaft. Ich ziehe es vor, sie als Gegenentwurf zu bezeichnen. Und wer Aufwertung und Zuspruch sucht, sollte sich nicht scheuen, ihr zu lauschen.

Text: Rinaldo Chiriac
Rubrik: Glaubensfragen
Magazin Ausgabe Nr. 4/2018

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