Trödel mal nicht so wenig

Nichts passiert

„TRÖDEL

MAL NICHT SO

VIEL WENIG“

Müßiggang ist aller Laster Anfang predigten Eltern und Lehrer dereinst, doch mittlerweile schlaucht uns die ständige Erreichbarkeit und gleichzeitiges Jonglieren mit zig Aufgaben und Anforderungen. Monotasking heißt das neue Multitasking!

Typisch ich. Voll in Action: alles zur gleichen Zeit. Mein Leben ist sehr vollgepackt mit wichtigen Dingen. Darum ist mein Alltag, bis auf wenige Ausnahmen, sehr effektiv durchstrukturiert. Fast jede Minute ist gefüllt mit Dingen, die ich auch nebenbei, mal schnell erledige. Ach ja, außerdem kann man Whatsapp-Nachrichten auch gut während des Essens schreiben. Trödeln oder gar faulenzen? Kannte ich lange nicht.
Bis mir irgendwann auffiel, dass unsere jüngere Tochter am Frühstückstisch, wenn wir anderen schon fast aufgegessen hatten, so langsam anfing zu überlegen, ob sie das Brötchen auf ihrem Teller dann doch weiter nur anschauen oder etwas drauf schmieren wollte und vielleicht sogar essen würde. Und ich spreche hier nicht von gemütlichen Sonntagmorgen, sondern vom Schulalltag. Lange habe ich mich darüber aufgeregt und sie – zwar liebevoll aber eindringlich – darauf hingewiesen, sie möge sich doch bitte (gefälligst!) mal entscheiden und beeilen. Das war eine leidvolle Zeit für meine Tochter und mich. Sie fühlte sich die ganze Zeit gehetzt und missverstanden, ich dagegen hätte jedes Mal fast platzen können vor Ungeduld.

Irgendwann ging mir allerdings ein Licht auf: Anstatt um das arme Kind herumzuschleichen, sie zu motivieren und anzufeuern, könnte ich sie auch einfach mal in Ruhe lassen. Das klingt erstmal sehr banal. Ich merkte aber, meine ganzen Bemühungen, Anstrengungen, Ermahnungen, mein Hetzen und Drängeln verlangsamten die Sache eher und kratzten zudem noch an unser aller Nerven. Bisher hatten wir es immer pünktlich zur Straßenbahn geschafft. Jeden Morgen war das Kind rechtzeitig in der Schule gewesen.

Kann ich von meiner Tochter - so wuchs es langsam in mir - lernen, einfach mal nur zu sitzen und zu träumen, ohne etwas zu tun oder zu schaffen? Selbst die Mahlzeiten waren ein Teil meiner persönlichen Tages-Checkliste. Inwiefern könnte ich das Trödeln vielleicht auch mal gut finden oder gar genießen?

Trödeln bedeutet nämlich bei einer Sache zu bleiben. Ich bin gerade krank und gönne mir den Luxus auf dem Sofa zu liegen, um eine Schallplatte zu hören, die ich schon lange mal in Ruhe hören wollte. Immer wieder nehme ich mein Smartphone zur Hand. Nachrichten checken, Nachrichten schreiben. Alles wichtige Dinge natürlich. Meine Musik höre ich nur noch nebenbei. Schade eigentlich, ich hatte mich doch gerade hineinbegeben in die Stimmung des gesamten Albums.

Meine Tochter sitzt am Schreibtisch und macht ihre Hausaufgaben. Plötzlich fliegt eine Fliege vorbei. Dann kann schon mal passieren, dass ihre Aufmerksamkeit mit der Fliege mitgeht und sie für einige Augenblicke alles andere um sich herum vergisst und einfach nur bei dieser Fliege ist.

Natürlich müssen wir im Alltag auch effektiv und schnell sein, um all die wichtigen Dinge zu schaffen und ihnen gerecht zu werden. Ich glaube aber auch, dass überall da, wo es uns nicht gelingt mit dem Lebenstempo unseres gegenwärtigen Alltags zurechtzukommen, eine ganz andere Qualität steckt, die ich entdecken möchte.

Hinter den von uns so genannten Macken unserer Kinder steckt gleichzeitig irgendwie eine Kompetenz, eine Stärke, eine Fähigkeit. Es hat doch etwas Geniales, wenn meine Tochter noch nicht zum Multitasking getrimmt wurde, sondern einfach ihre Zähne putzt, wenn sie ihre Zähne putzt und nicht nebenbei die Wäsche abnimmt oder ihr Zimmer aufräumt. Ganz natürliche Entschleunigung.

Text: Karsten Stank
Rubrik: Alltag
Magazin Ausgabe Nr. 2  |  2017

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