Wind weht

Lieber Wind – du rufst meine Seele. Du umstreifst die Blätter an den Bäumen und willst sie mit dir tragen. Du umsäuselt mich und willst es wagen, mich fortzureißen, heimzuholen, dorthin, wo du deinen Ursprung hast.

Ja wo, wo nur, bist du zu Hause. Hat dich schon jemand gesehen?

Wenn wir uns begegnen bist du mal zart, mal faustgeballt, mal wogend, mal hart. Doch egal – wie, und immer – wo du bist, sehe ich nur mich und dich. Da ist niemand mehr, außer uns und alles scheint offenbar, ohne, dass ich reden muss. Ich vernehme dein Flüstern und deinen zarten Strom auf den Härchen meiner Haut. Wer bist du, dass du mich so berührst? Wer bist du, dass du spürst, wo mein Gemüt auf seiner Sinuskurve weilt. Du erkennst mich, du nimmst mich und trägst mich, wie ich bin, weil ich bin, wo ich bin. In deiner Natur, fühl auch ich mich zu Hause. Du siehst mich an und nimmst mich auf. Dein Atem wird meiner. Er befreit mich aus der Enge meiner Brust. Dein Wogen wird meines und ich ströme mit dir zurück in die Welt. Dein Säuseln wird mir Eines, das mich endlich ruhig macht unter dem  Himmelszelt. Ich sehe hinaus und ehe ich dich begreifen kann, bist du von dannen gezogen.

Mein lieber Wind, wie weit wehst du? Wohin gehst du, wenn alles um mich schweigt?

Mit dir kann ich atmen, mit dir kann ich treiben, mit dir kann ich spielend leicht meinen Kurs ändern, denn du bist der Atem der Welt. Hältst mich auf Kurs, wenn die Leichtigkeit von meinen Furchen fällt. Schiebst mich an, sanft und seicht, dass ich mich so zentnerschwer – doch federleicht anfühl. Oft verlier ich meinen tänzelnden Schritt, dann näherst du dich meinem Ohr und hauchst:

Komm doch mit. Ich zeig dir, wie ich die Vögel zum Stürzen, Gleiten, Welten Umkreisen, wie ich Wolken über Berge und wie ich Wasser in Wallung  bringe. Ich zeig dir, wie ich aus einem Sturm den Ausgang finde, Wärme und Kälte in Gewittern überwinde. Ich zeig dir, wer ich bin und was ich treib. Ich zeig dir, wo ich war in der Zeit, in denen du nur Stillschweigen spürtest.

Komm, ich zeig dir, wo ich zu Hause bin und warum ich besser nicht sichtbar bin.

Erinner dich kleiner Pustewind, wie es war als Kind. Phantasien flogen zum Fenster hinein, spielten gesellig mit deinen Gedanken, Träumen, Wünschen und zogen eines Tages in Windeseile aus. Ein Wind, ein Wind – kein himmlisches Kind, dachtest du. Dein Blick auf die Welt kämpfte gegen das Hell – das Dunkel – das immerwährende Grau, dass immer wieder über den Wirbelwind hinwegwehte. Glaube mir, ich stand bei dir und sah kein Trübsal ausziehen, sondern tausend kleine Pusteblumensamen im Winde verwehen.

Erinner dich an deinen ersten erblühten Samen. Du blicktest rosarot umher mit deiner Liebe in den Armen. Eine Sehnsucht starb, Zufriedenheit und Wärme umgab dich, wie das erquickende Gelb einer Sonnenblumenwiese. Momente wie diese, malten dein Herz mit meinem Wesen an- einem lauen, warmen Sommerwind.

Erinner dich an deinen zweiten Samen, als die Freundschaften sich als nichtig enttarnten. Du starbst innerlich vor Enttäuschung jedes Mal mehr, wenn du dachtest, dass kein Echter unter ihnen wär. Aber gerade als du allen Halt verlorst, war da jemand, der sich nicht in deine Wunden bohrte, sondern da war, um einfach da zu sein – ein bisschen mitzuweinen, um dir den Rückenwind zu geben, immer weiter, immer fortzuleben.

Erinner dich an deinen dritten Samen, als viele um dich herum zum Glauben kamen. Zum Glauben an Geld, an Arbeit, an Fortschritt, an Zeit – du aber wusstest nicht, wie weit dein Glauben gehen kann. Festhalten an dem Guten, beharren auf das Rechte, alles schien dir nicht das Echte an Wert und Ziel zu sein. Du ließest dich treiben – im Strom des Lebens, doch plötzlich schien dir nichts mehr vergebens, sondern im guten Sinne sinnhaft zu sein. Nicht im Voranstürmen mit den Zeitgenossen, nicht im feurigen Erzürnen über Gesellschaftsfloskeln und im Mächteschrotten, sondern im stillen, sanften Getragenwerden, Charakter erden, zuversichtlich Schreiten und Vorangleiten bist du so kraftvoll geworden, dass du durch das Leben ziehst, mancher die Türen schließt, weil er fürchtet, dass du ihn aus seinem Mäuerchen löst und all sein Denken umstößt.

Mein Wirbelwind, du zogst ins Leben hinaus, bist mir so gleich, weil ich nie mehr von deiner Seite weiche. Im Wehen, im Winden, im Kommen und im Verschwinden ist mein Zuhause – du aber trägst mich weiter hinaus und machst mein Wandeln menschlich. Du bist endlich in deinem Element, das meinen Namen ruft und kennt.

Du bist ein Zugvogel, der durch meinen Aufwind die nächsten Samen findet, weil er Seen, Wälder, Berge überwindet. Du brauchst nicht zweifeln, auch nicht lange fackeln, denn mit mir brauchst du nicht straucheln, nicht wackeln, dein Himmelszelt ist meine Welt. Ich weiß um jeden Samen, der zum Erblühen berufen ist. Ich werde dich rufen in meiner Art – mal im Sturm, mal im Rauschen, mal apart – in der Einsamkeit des Seins. Lass dich in meinen Strom fallen, lass dich gleiten, lass dich leiten, wenn du meine Stimme hörst. Ich kenne dich, ich nenne dich beim Namen – lieber Wirbelwind. Also eile nicht geschwind, nicht unbedacht oder blind – sei sicher: Ich werde dich tragen – viel weiter hinaus, als du es ahnst. Lass dich ein auf das, was nur ich sehen kann. Lass dir von mir eine Heimat geben und erleben, dass du im Denken, Glauben, Lieben – nicht vorhersehen, sondern nur spüren brauchst.

Vertrau auf das, was du im Innersten spürst. Denn ich bin es, den du berührst. Der vierte Samen liegt schon zum Erblühen bereit. Bis du ihn findest, mach dich frei, erneut mit mir davonzuwehen. Und lass doch deine Bedenken, deine Zweifel, deine Ängste getrost in meinem Denken, Glauben, Lieben untergehen.

Der Wind weht, wo er will.
Es ist nur so still, weil dein Atem von alleine wiederkommen will.
Atmest du das nächste Mal tief ein – wird er wieder um dich sein.
Wind, lieber Wind – du bist mir ein himmlisches Kind.

Wiebke Ritz/ donvaleros.de

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