Zirkuspfarrer weiht Volare

Augenblicke

Volare

Schnell zieht er hinter dem Kassenhäuschen den Talar an und baut den Altartisch auf einem Karussell auf. Nein, das ist keine Theaterszene, sondern Realität für Zirkuspfarrer Torsten Heinrich. 

Fürth im Herbst. Michaelisweih. Ein riesiger Jahrmarkt, die ganze Stadt ist auf den Beinen. Am Tag bevor es losgeht spürt man eine gewisse Aufregung; die Wagen werden nochmal sauber gemacht, Müll weggeräumt. Funktioniert alles? Ist alles am richtigen Platz? Essen, Kettenkarussell, Riesenrad, Kuscheltiere, Schießbuden. Am Kinderkarussell werden nochmal einige Stellen ausgebessert und neu lackiert.

Wenn man als Zuschauer durch die Straßen streift, wirkt dieses Treiben aufregend, elektrisierend. Die Schausteller, das fahrende Volk, lösen eine seltsame Faszination aus – sie strahlen eine gewisse Freiheit aus, und dazu kommen die glänzenden Fassaden mit vielen bunten Lichtern. Eine kleine Traumwelt. Gerne würde ich in die Wagen hineinschauen, um das Leben dahinter kennenzulernen. Sie sind nicht nur Arbeitsplatz, sondern hintenan auch gleichzeitig Wohnung. Wir dürfen an diesem Tag Schausteller- und ZirkuspfarrerTorsten Heinrich begleiten und bekommen dadurch einen Blick hinter die Kulissen, sehen die

Menschen und hören Geschichten abseits der vordergründigen Ausgelassenheit. Torsten Heinrich hat heute eine im ersten Moment seltsam klingende Aufgabe: das neue Fahrgeschäft der Familie Drliczek segnen und einweihen.

Das Kettenkarussell, ganz neu im Besitz der Familie, soll, bevor es in Betrieb genommen wird, nochmal den kirchlichen Segen bekommen. Dazu ist Torsten Heinrich extra angereist und führt gemeinsam mit einem katholischen Kollegen einen kleinen Gottesdienst aus.

So langsam füllt sich der Platz; Bekannte, Verwandte und vermutlich auch Kollegen kommen zu dieser Feierlichkeit zusammen. Alle scheinen sich zu kennen. Kinder werden von einer Person zur nächsten gereicht – es ist wie in einer großen Familie. Wir sind mittendrin, aber ohne uns fremd zu fühlen. Es stört niemanden, dass wir dabei sind, Gäste sind willkommen.

Schon der Beginn des Gottesdienstes ist ganz ungewöhnlich: den Talar zieht sich der Pfarrer hinter dem Kassenhäuschen an. Den Altartisch baut er oben auf dem Karussell auf, mobiles Equipment, wie ein Kreuz und Kerzen hat er immer dabei. Bei der Segnung betont Heinrich, dass es ja nicht darum geht, das Karussell zu segnen, sondern dass den Menschen, die das Fahrgeschäft betreiben, Gottes Schutz und Begleitung zugesprochen wird. Das Fahren in dem Kettenkarussell sei wie das Leben, führt er weiter aus, es geht auf und ab und am Ende geht man mit einem Lächeln raus. Diese Momente möchte Schaustellerfamilie Drliczek ihren Kunden bescheren. Vertrauen in Höhen und Tiefen „Viele Schausteller glauben an Gott, aber sind durch ihr ständiges Unterwegssein in keiner Ortsgemeinde und haben keinen eigenen Pfarrer“, erzählt Heinrich, „aber gerade an zentralen Punkten des Lebens wünschen sie sich, diese gemeinsam mit der Gemeinde oder Familie vor Gott zu bringen.“ Für diese Anliegen und noch viele mehr gibt es dann ihn, den Pfarrer to go sozusagen. Er reist für Hochzeiten, Konfirmationen, Taufen und große Gottesdienste quer durch Deutschland. Bei seiner Arbeit geht es vor allem um den persönlichen Kontakt mit den Menschen. Er profitiert von einem Vertrauensvorschuss, den er als kirchliche Person hat. Bei dem vielen Umherziehen sind Bezugspersonen außerhalb der Schaustellergemeinschaft rar, deshalb nutzen die Gemeindeglieder – wenn Torsten Heinrich dann schon mal da ist –, die Gelegenheit, ihm zu erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt, er ist ja schließlich ihr Seelsorger. 

Text: Jessica Schultka
Fotos: Mario Reineking
Ort: Fürth
Rubrik: Leute
Magazin Ausgabe Nr. 2  |  2017

 

Tags: Hefte

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